Die Erholungsfunktion der Wälder in Deutschland – Spiegel gesellschaftlicher Bedürfnisse
Der Wald nimmt in Deutschland für viele Menschen eine wichtige Rolle als Erholungsort ein, denn er bietet einen Raum, der Bewegung, Regeneration, soziale Begegnungen, Naturerleben und Abstand vom Alltag ermöglicht. Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Veränderungen wie der fortschreitenden Urbanisierung, der Digitalisierung, dem Wandel der Bevölkerungsstruktur und dem Klimawandel ist davon auszugehen, dass die Bedeutung des Waldes als Ort der Erholung auch in Zukunft weiter wächst.
Viele Millionen Menschen im Wald
Mit einem Waldflächenanteil von rund 32 % ist Deutschland eines der waldreichsten Länder Europas. Gleichzeitig liegt die Bevölkerungsdichte mit rund 240 Menschen pro km² fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Europäischen Union (destatis 2025). Dass der Wald als Erholungs- und Freizeitraum für die Bevölkerung Deutschlands eine große Bedeutung hat, ist daher naheliegend – und wird auch durch die Forschung zur Freizeitnutzung des Waldes belegt. Einer Studie des Sinus-Instituts zufolge gehen beispielsweise rund 57 % der Deutschen mindestens einmal pro Monat in den Wald, davon rund 29 % sogar mindestens einmal pro Woche (Sinus Institut 2021). Studien der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) kommen für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sogar zu noch höheren Ergebnissen: 67 % von 4.501 befragten Personen gehen demzufolge mindestens einmal pro Monat in den Wald, 39 % mindestens einmal pro Woche. Der Bundesplattform Wald – Sport, Erholung, Gesundheit (WaSEG) zufolge ergeben sich im Durchschnitt rund 28 Waldbesuche pro Person und Jahr und damit schätzungsweise 2,3 Milliarden Waldbesuche jährlich.
Wald als Lebensraum für Menschen
Der Wald ist folglich für viele Menschen ein sehr präsenter Ort in ihrer Freizeitgestaltung – und dabei weit mehr als eine schöne Kulisse. Er ist ein „Freiraum“, in dem Menschen vom Stress des Alltags Abstand nehmen und Selbstwirksamkeit aber auch Sinnhaftigkeit erfahren können. Wald steht sinnbildlich für Naturerleben, bietet als Gegenwelt Zuflucht und stiftet als Mitwelt Gefühle von Verbundenheit und Vertrautheit. Er eröffnet einen Raum für Bewegung, Sport und Sozialkontakt und bietet Abstand zu Alltagsstressoren wie Lärm und Luftverschmutzung. Für viele Menschen ist der Wald ein „Zuhause“ und ein Teil der eigenen Identität. Das bedeutet auch, dass nicht nur waldbesitzende und im Wald arbeitende Menschen eine emotionale Bindung zu „ihrem“ Wald haben. Vielmehr hat die Forschung der vergangenen Jahre gezeigt, dass ein beachtlicher Teil der Erholungsuchenden insbesondere zu bestimmten, vertrauten Waldgebieten eine starke Verbundenheit empfindet. So stimmten in einer bundesweiten Umfrage rund ein Drittel der befragten Waldbesucherinnen und -besucher der Aussage zu „Es gibt einen Wald, den ich als ‚meinen‘ Wald empfinde“ (vgl. Menton-Enderlin 2023).
Psychologisches Eigentum, Verbundenheit und Fürsorge
Der Begriff „Aneignung“ beschreibt, wie Menschen sich den Wald als Raum erschließen und ihn durch wiederholte Besuche, Erkundungen und Aktivitäten zu „ihrem Ort“ machen (vgl. Menton-Enderlin 2023; Weinbrenner et al. 2021). In der Forschung wird auch von „psychologischem Eigentum“ gesprochen, dem Gefühl, dass etwas „meins“ oder „unseres“ ist – unabhängig von den tatsächlichen juristischen Besitzverhältnissen. Dieser aktive Prozess der Aneignung umfasst sowohl praktische als auch symbolische Dimensionen: Menschen engagieren sich für Wälder und für dort ausgeübte Tätigkeiten, sie geben Orten Namen und entwickeln eigene Rituale. Durch diese Prozesse wird der Wald nicht nur genutzt, sondern auch individuell und gemeinschaftlich mit Bedeutung aufgeladen. Charakteristisch für psychologisches Eigentum sind damit einhergehende Gefühle von persönlicher Verantwortung und Fürsorge. Menschen kümmern und sorgen sich um „ihren“ Wald. Für das Umweltbewusstsein, den Naturschutz und ein verantwortungsvolles Verhalten in Naturräumen sind Aneignungsprozesse daher von großer Bedeutung – auch wenn zunächst vielleicht ein Konfliktpotenzial ins Auge fällt. Darüber hinaus bietet das über unterschiedliche Nutzungsarten hinweg geteilte Gefühl „mein Wald“ auch Potenzial zur Verständigung – denn es stellt die Gemeinsamkeit einer „besonderen Verbundenheit“ zum Wald und die damit einhergehende Wertschätzung und Fürsorge in den Mittelpunkt.
Wachsende Bedeutung der Erholungsfunktion
Die aktuelle Trendforschung aus den Bereichen Freizeit und Tourismus deutet ebenso wie die soziologische Waldforschung auf eine weiterhin wachsende Bedeutung der Erholungsfunktion von Wäldern hin. Natur und Gesundheit rücken vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung und Urbanisierung, des demografischen Wandels und nicht zuletzt des Klimawandels verstärkt in den Fokus gesellschaftlicher und individueller Entscheidungen. Gesundheit wandelt sich im Zuge dessen vom „Nebenprodukt“ der Erholung zum bewussten Aspekt der Freizeitgestaltung. Aktivitäten in der Natur werden dabei zunehmend als Mittel zur Stressreduktion, Prävention und Förderung des Wohlbefindens verstanden. Das liegt auch daran, dass in jüngster Zeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse und der aus Japan stammende Trend des „Waldbadens“ die Sichtbarkeit der gesundheitsfördernden Wirkungen von Waldaufenthalten deutlich erhöht haben. So liegen mittlerweile zahlreiche Studien vor, die Waldaufenthalten sowohl für die geistige als auch für die körperliche und soziale Gesundheit vielfältige positive Wirkungen zuweisen. Darüber hinaus hat auch die Corona-Pandemie zum wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein für den gesundheitlichen Wert von Wäldern beigetragen. Insbesondere während der „Lockdown“-Phasen bot der Wald vielen Menschen einen Ausweichraum, in den kurzerhand auch viele Tätigkeiten verlagert wurden – vom Fitnessprogramm über die Pflege sozialer Beziehungen bis hin zu Meetings im Arbeitskontext. Die Bedeutung des Waldes für die psychische Gesundheit und die gesellschaftliche Resilienz wurde in dieser Zeit besonders deutlich (Weinbrenner et al. 2021).
Dieser Text ist ein Beitrag der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der FVA Baden-Württemberg.